Dienstag, 15. Juni 2010

Darum bin ich dagegen!

Sonntag, kurz vor dem Anpfiff des ersten WM-Spiels der deutschen Mannschaft, fand auf Facebook eine für mich spannende Diskussion statt. Sachar nannte auf Grundlage einer bild.de-Umfrage Joachim Gauck den Bundespräsidenten-Kandidaten des Volkes, weil er in dieser Umfrage 70% der “Stimmen” bekommen habe. Ich kommentierte, dass eine repräsentative Umfrage von infratest dimap nur 40% für Gauck (30% für Wulff) sehe und dass Gauck wohl eher der Kandidat des Webs sei. Sachar fragte mich daraufhin, warum ich immer “dagegen” sei. Und egal, ob er das scherzhaft oder ernst meinte, es ist ein Funken Wahrheit dran. Ich vertrete in Diskussionen im Web häufig Gegenpositionen.

Ich weiß, dass ich den Mitdiskutanten damit nicht selten eine ganze Menge zumute. Daher einige kurze – und vielleicht etwas verschwurbelte – Gedanken dazu, warum ich das eigentlich tue. Warum ich “immer dagegen” bin:

Grundsätzlich positiv eingestellt gegenüber dem “Dagegen” bin ich, weil ich glaube, dass es Skeptiker, Dagegens und Bremser braucht, um zur besten Lösung zu kommen. Das ideale Beispiel für den Erfolg dieses Prinzips ist unser Grundgesetz. Es wird zwar vielfach und auch zurecht kritisiert, dass Bund und Länder, Bundestag und Bundesrat, Regierung und Opposition sich gegenseitig ausbremsen. Aber dieses Ausbremsen führt zu einer Stabilität im System, die meines Erachtens ein Wert an sich ist. Weil sie Planungssicherheit bringt. Und die ist wichtig, damit Menschen ihr Leben gestalten können. Klar: Der Grad zwischen Skepsis und Obstruktion ist schmal. Aber ehrliche Skepsis hilft mehr als dass sie schadet.

Bestätigt wird diese Ansicht durch die Kreativitätstechnik “Das 6-Hut-Denken”. In einem Brainstorming nehmen die Teilnehmer bestimmte Rollen ein – setzen sich Hüte auf. Der Träger des schwarzen Hutes soll dabei objektiv negative Aspekte aufzeigen – das ist, was auch ich versuche. Helfen tut das nur, wenn es auch die anderen Rollen gibt, aber die gibt es gerade in der Social Web Szene meines Erachtens durchaus.

Inhaltlich wichtig finde ich das “dagegen”, weil ich es nicht mag, wenn wir uns die Welt zu einfach machen – eine Tendenz zu der die Social Media Szene neigt wie jede zu bestimmten Fragen recht meinungshomogene Teilöffentlichkeit. Überspitzt gesagt: Ingenieure versuchen die Welt zu einer einzigen mathematischen Formel zu machen – weil sich in ihrem Gebiet ja auch alles errechnen lässt. Superstars glauben, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will – weil es bei ihnen ja so war. Und wir Social Media Freaks glauben zum Beispiel, dass jeder Konsument mit Unternehmen sprechen möchte – weil das bei uns so ist. Ich finde es wichtig, andere Perspektiven in Diskussionen einzubringen, sobald der Mainstream zu eindimensional wird.

Wichtig ist mir dabei trotz allen "Dagegens" eines: Ich finde das Social Web absolut klasse und eine der besten Errungenschaften der vergangenen Jahre. Ohne dieses Social Web könnte ich meine “Dagegens” ja gar nicht vorbringen – zumindest würde niemand oder würden noch weniger Menschen zuhören. Ich habe dabei vollsten Respekt dafür, dass sich Menschen für etwas engagieren. Um im oben genannten Fall Gauck zu bleiben: Wenn z. B. Nico “Wir für Gauck” startet, finde ich das klasse. Weil es schnell war, weil es gut gemacht ist und weil ich nie derart viele Menschen von einer Idee hätte überzeugen können. Selbst wenn 10.000 Unterzeichner keine 82 Millonen sind, ist das genau die Form von Engagement, die wir brauchen.

Das wollte ich nur mal loswerden.