PRrisiert Social Media unsere Gesellschaft?
Meine Jugend ist fototechnisch ein schwarzes Loch. Zwischen meinem 15. Lebensjahr und dem 25. war ich so ca. jedes Wochenende auf Partys oder mit Freunden unterwegs. Doch Fotos gibt es davon kaum - ich zumindest habe kein einziges. Niemand schleppte die teuren Kameras mit den teuren Filmen mit sich rum, um Kumpels beim Bier trinken aufzunehmen.
Jugenden, die gerade jetzt ablaufen, verlaufen fototechnisch ganz anders. Grund: Die Digitalkamera und Social Networks. Die kleinen Knipsmaschinen sind der ständige Begleiter. Alles, wirklich alles wird dokumentiert und veröffentlicht. Unmengen von Bildern aus dem Privatleben finden sich auf Facebook & Co. Und während die angeblichen Folgen für die Jobbewerbungen ausgiebig thematisiert wurden, bleibt ein Thema meines Erachtens bisher unbesprochen: Die direkten Auswirkungen auf das Verhalten der Fotografierten.
Zweifelsohne, ich habe nicht den geringsten Beweis. Mehr noch, ich habe mir nicht mal die Mühe gemacht, auch nur eine Sekunde zu recherchieren. Aber dies hier ist ein Blog, Social Media ist angeblich ein Partygespräch und so muss es mir erlaubt sein, einfach zusammengedachte Gedanken in den Raum zu werfen und mal zu schauen, wie Ihr so reagiert.
Ich habe das Gefühl, dass die Digitalkamera in Verbindung mit Social Media den kompletten Blick auf unser tägliches Leben verändern. Auf einmal ist die Belohnung für ein Segelwochenende nicht mehr nur das Segeln selbst, sondern auch die Anerkennung der Freunde für die entsprechenden Fotos - dass sie "gefällt mir" klicken oder kommentieren. Natürlich: Auch früher gab es solche Belohnungen. Beim "Wie war Dein Wochenende?"-Gespräch, Montags in der Arbeit. Aber heute findet dieses Gespräch 24/7 statt. Auf Facebook.
Zudem führt das ständige Fotografieren zur ständigen Abwägung darüber, ob das, was ich gerade sehe, zum Facebook Content taugt. Ich werde damit Redakteur einer Zeitschrift über mein eigenes Leben. Und betreibe damit - ob ich will oder nicht - ständig PR in eigener Sache.
Gut zu sehen ist dies neben den Fotos auch bei Statusmeldungen. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass man es hier mit willkürlichen Schnipseln aus dem Alltag von Freunden zu tun hat. Es geht hier um bewusst gewählte Veröffentlichungen, Pressemitteilungen in kurzform.
Die grundlegende Frage, die sich daraus ergibt, ist: Welche Auswirkung hat auf dieser Basis Social Media für unsere Gesellschaft.
Meine Meinung:
1. Wir nähern uns einer umfassenden PRrisierung unserer Gesellschaft. Das Tun rückt in den Hintergrund, das Darübersprechen in den Vordergrund. Wir machen immer mehr Dinge nur, um anschließend darüber sprechen zu können.
2. Entgegen der weitläufigen These sorgt Social Media so für immer weniger Authentizität. Wenn man diese als den Punkt definiert, an dem Denken, Fühlen und Handeln zum gleichen Ergebnis kommen, dann fällt zumindest das Fühlen hinten runter. Denn den Content für mein Facebook basiert nicht auf dem was, was ich fühle, sondern auf dem, was meine Leser lesen wollen bzw. sollen.
3. Zweifelsohne nähern sich die Art, wie Menschen und Unternehmen kommunizieren, einander an - aber vielleicht anders, als man landläufig denkt. Nicht Unternehmen werden kommunikativ menschlicher, sondern Menschen unternehmerischer. Menschen betreiben professionelle Kommunikation. Werbliche- und PR-Kommunikation werden nicht zum Auslaufmodell, sondern zur vorherschenden Art zu kommunizieren.
Zugegeben, diese Schlussfolgerungen sind weitgehend und vielleicht auf verschwurbelt und übertrieben. Aber ich trage diese Gedanken seit einiger Zeit mit mir rum und bin gespannt, was Ihr dazu sagt. Also?
