Journalisten und die Sorgfalt
Es gibt sicher Unterschiede darin, wie ernst Journalisten es mit ihrer Sorgfaltspflicht nehmen. Eines steht aber fest: Im Falle einer Krise wird jeder - auch ohne eigene Recherche - berichten. Im Zweifelsfall heißt es dann zur Rechtfertigung: "Ich habe ja nur darüber berichtet, dass ein anderer berichtet hat." Eine zweite Quelle heranzuziehen bedeutet dann nur noch, dass ich meinen Tischnachbarn fragen muss, ob er das auch gelesen hat. Das ist natürlich ziemlich bequem.
Als PRler kommt es in solchen Situationen auf Fingerspitzengefühl an. Juristische Schritte bringen meist nur noch mehr negative Berichte. Aber den Journalisten mit seiner Fehlleistung konfrontieren kann - und wie ich finde: sollte - man schon. Schließlich meckern Journalisten an anderer Stelle ja auch über meinungs- und emotionslose PRler. In solchen Situationen kann man den Gegenbeweis antreten und erntet - so meine Erfahrung -, wenn man es überzeugend, kenntnisreich und freundlich vorträgt, mehr positives als negatives Echo. [Eine Ausnahme bildet dabei die Spezies Journalisten, die sich aus Angst vor Klagen in juristisch korrekte aber wenig überzeugende PR-Floskeln flüchtet. Ich liebe diesen Moment, weil er mir zeigt, dass PR- und Journalistik-Talent nach dem Entweder-Oder-Prinzip verteilt sind].
Eine spannende Diskussion zu diesem Thema findet gerade rund um den Fall der No Angels-Nadia statt, die angeblich HIV-positiv ist und andere Personen wissentlich infiziert haben soll. Bild berichtet: Heribert Prantl werfe den Medien reißerische Berichterstattung in Form von Vorverurteilungen vor. Und "deckt auf", dass in Prantls SZ ebendiese Vorverurteilungen auch zu lesen waren - nur diese nach Prantls Artikel gelöscht worden seien.
Langer Rede kurzer Sinn: Allen, die sich für den Themenkomplex interessieren, möchte ich die Medienkolumne von Bernd Gäbler auf stern.de ans Herz legen. Er dröselt auf, wie offensive scheinheilige PR der Staatsanwaltschaften in Kombination mit verantwortungslosen Journalisten immer wieder zu öffentlichen Steinigungen führt. Unbedingt lesen.
