Freitag, 16. Mai 2008

Der Werbeblogger, Twitter und die Idiotie der PR

PRler sind Idioten. Sie verschicken Pressemitteilung, die mit System (nicht mit Spaß an der Sprache) geschrieben wurden an maschinell gepflegte Verteiler und werten die Resonanz in Excel aus. Und anschließend wundern sie sich darüber, dass

a) Journalisten sich behandelt fühlen wie der "Normalbürger", dem morgens die ganze Ladung Postwerbesendungen aus dem Briefkasten entgegenkommt
b) sie von Kunden nicht als Kommunikationsberater wahrgenommen werden, sondern nur als Sachbearbeiter
und
c) ihre Stundensätze ebenfalls denen von Sachbearbeitern gleichen - und nicht denen von Unternehmensberatern

Ich beobachte in der PR eine zunehmende Technokratisierung: Den Beratern wird beigebracht, dass sie personalisierte E-Mails (und nicht per BCC) verschicken sollen und dass sie professionelle Verteiler-Pflege und Evaluation mithilfe von Tools wie Convento betreiben sollen. Das eigentlich wichtigste verliert dadurch an Bedeutung: Die Beziehung zu Menschen - Journalisten, Meinungsbildnern etc. Dabei managen wir doch Public Relations, Beziehungen zu Öffentlichkeiten.

Einen besonderen Drang zur Technokratisierung haben die PRler meines Erachtens im Web 2.0. Bei jedem neuen Tool fangen sie an zu überlegen, wie man es einsetzen kann - zum Beispiel glaubt der Sichelputzer, dass es bald vielleicht üblich wäre Statements von Geschäftsführern auf Twitterlänge zu formulieren. Dazu sag ich mal nix.

Ich denke, wir sollten wieder anfangen, uns über Menschen Gedanken zu machen. Und bei Kommunikation unter Menschen kommt es auf ganz andere Dinge an als irgendwelche Formalitäten. Es geht um ernstgemeintes Zuhören ohne Geschwafel. Es geht nicht um "professionelle Sprache", sondern darum, dem Gegenüber Spaß an der Konversation zu bringen. Der Weg dorthin führt über ganz unterschiedliche Wege. Einige Kollegen von mir sprechen mit Journalisten über das Wetter, die Haustiere oder Urlaubsziele. Ich z.B. spreche lieber über eher sachliche Themen. Manche E-Mailen lieber, andere telefonieren. Wichtig dabei: Ich muss versuchen, ein interessantes Gespräch zu führen. Dann ist das die halbe Miete für eine gute "Relation".

Warum ich diesen ganzen Sermon hier ablasse? Ich wurde vor einigen Tagen vom Werbeblogger für mein Kommunikationsverhalten gelobt. Ich hatte bei Twitter gelesen, dass Patrick gerne Tee trinkt. Da meine Kollegen in Hamburg einen neuen Tee promoten, habe ich ihn per lockerer E-Mail gefragt, ob er nicht Lust hat zu probieren. Er sagte ja, ich schickte ihm das Produkt (ohne Pressemitteilung). Und dann kam dieser Beitrag, auf den ich sehr stolz bin.

Ich bekam einige Anfragen, mal darüber zu bloggen, wie ich das denn so mache mit Twitter. Und alle, die sich das gewünscht haben, erwarteten vermutlich einen Beitrag über systematisches Monitoring in Twitter und quasi automatisierte Abläufe. Vielleicht hätte man diese Twitter-Relations-Geschichte sogar dem PR Report verkaufen können. Will ich aber nicht. Denn eigentlich war es ganz einfach: Ich habe mir ein Medium gesucht, dass mir und dem Adressaten Spaß macht und habe zugehört - bis sich eine Chance geboten hat, eine "Beziehung" herzustellen. Und die habe ich genutzt.

So einfach ist das.

2 Kommentare:

Michael meint:

Ich habe gerade genau das selbe Problem: PR-Leuten klar zu machen wie man Tools wie Blogs, Twitter etc. nutzen kann, ohne jedoch eine vollkommen automatisierte Lösung anbieten zu können.
Ich fürchte, ich treffe jedoch auf vollkommenes Unverständnis und mache mir damit sogar wenig Freunde.

Tapio meint:

In Sachen persönliche Beziehungen teile ich deine Erfahrung. Doch leider ist es nicht immer pragmatisch machbar zu *jedem* relevanten Journalisten zugleich eine gleich intensive Beziehung zu pflegen. Gut gepflegte verteiler werden deshalb nicht aussterben. Aber der ein oder andere Twitpitch hilft, darüber hinweg zu kommen. ;-)

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