Samstag, 2. Februar 2008

Nokia und Rüttgers: PR-Legastheniker

Heute ist Samstag. Das ist gar nicht so schlecht, denn endlich habe ich Zeit hier als PRler über den Fall Nokia zu schreiben. Denn dort finden sich eine Reihe kommunikativer Fehlleistungen - von der Politik und von Nokia.

Zunächst zu Nokia. Wenn man es mal global betrachtet, könnte man sich fragen: Was ist eigentlich am Arbeitsplatz in Rumänien schlechter als an dem in Deutschland? In Deutschland sind zwar bald zahlreiche Arbeiter arbeitslos. Aber viele Menschen in Rumänien - die wahrscheinlich mit Arbeit weniger haben als Arbeitslose in Deutschland - haben nun einen Job. Und auch die haben schließlich Familien, die versorgt werden wollen. Was würden wir sagen, wenn VW Jobs von Spanien nach Rumänien verlagern würde? Richtig, gar nichts. Oder: Gut, dass Wolfsburg erhalten bleibt. Gegen die Schließung des Nokia-Werkes zu demonstrieren ist also purer nationaler Egoismus. Das ist völlig OK. Aber Nokia ist kein deutsches Unternehmen - insofern also auch nicht deutsch-egoistisch. Das ist auch völlig OK. Dieses Thema hätte Nokia ruhig auch mal anbringen können.

Ungeheuerlich ist allerdings, dass Nokia die Belegschaft vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Und dass Nokia der Bochumer Belegschaft nicht einmal die Chance gegeben hat, sich gegen Rumänien durchzusetzen. Kommunikativ ist das eine Katastrophe. Denn jetzt passiert das, was eine logische Konsequenz ist: Die Deutschen kaufen weniger Nokia-Handys und erinnern das Unternehmen daran, dass Verbraucher durch Konsumverzicht die Kosten der Standortverlegungen ganz schön rauftreiben können.* Das hätte Nokia verhindern können: Wenn Sie das Thema "Wieso sind Arbeitsplätze in Deutschland mehr wert?" gespielt hätten. Und wenn sie den Bochumern die Chance zum Wettbewerb gegeben hätten.

Und dann zur Politik. Ich habe Jürgen Rüttgers bei seiner ersten Äußerung zum Thema im Morgenmagazin gesehen. Und ich habe mich ständig gefragt, wieso er zwar die Sprachkeule auspackt (Subventionsheuschrecke), aber dabei den entscheidenden Satz vergisst - der mit einer Handlungsanweisung an die Menschen und einer Perspektive für Nokia: "Unser Ziel muss es sein, dass niemand in Deutschland ein Nokia-Handy kauft, bis die Geschäftsleitung mit uns verhandelt." Das wäre eine deutliche Ansage gewesen. Er hätte zu dem aufgefordert, was vernünftig ist: Verhandlungen. Er hätte den Menschen die Chance gegeben, Wut abzulassen - durch Nicht-Kauf. Und er hätte eine Tür für Nokia offen gelassen. Denn Verhandlungen müssen möglich sein. Stattdessen macht Rüttgers die Tür zu, weil er nur lospoltert. Und er tut so, als helfe er den Menschen damit.

Das Ganze ist ein Riesen-PR-Desaster. Nokia scheint keine Lösung zu wollen. Und Rüttgers schließt Türen zu fairen Verhandlungen, anstatt diese zu öffnen. Letztendlich werden beide Seiten einen großen Image-Schaden erleiden. Und den Mitarbeitern ist auch nicht geholfen.

Übrigens ein interessanter Ansatz: Ein Arbeitskollege fragte, ob es Zufall sei, dass gerade (im weitesten Sinne) skandinavisch-stämmige Unternehmen (Vattenfall, Nokia) in letzter Zeit Probleme mit ihrer Kommunikation in Deutschland haben. Kennt sich jemand mit der Öffentlichkeit in skandinavischen Ländern aus. Wird Unternehmen dort weniger Transparenz abverlangt?

* Kleine Bemerkung: Wenn wir nicht nur gehende Unternehmen (durch Weniger-Kaufen) abstrafen, sondern auch kommende (durch Mehr-Kaufen) belohnen würden, würden sicherlich noch einige zusätzliche kommen - zumal das Weniger-Kaufen-beim-Gehen dafür sorgt, dass Unternehmen erst gar nicht kommen. Denn sie würden ja nie wieder gehen können, ohne den Markt zu verlieren. Aber das ist ein anderes Thema.

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