Schell zum Medientraining!
Bei Anne Will ging es soeben um den Bahnstreik. Und wer die Sendung gesehen hat, könnte Zeuge gewesen sein, wie sich das Blatt gewendet hat. Denn die laut Sendung bestehende Mehrheit der Deutschen, die den Streik befürwortet, könnte schnell zur Minderheit werden. Grund: Die Bahn-Personalvorständin Margret Sukale.
Die ist entweder ein Naturtalent, oder sie ist perfekt vorbereitet von ihren PR-Leuten. Jedenfalls gibt sie das Gegenmodell ab zu den Betonköpfen Manfred Schell (Gewerkschaft der Lokführer) und Hartmut Mehdorn (Bahnchef), der ihr wohl die Verhandlungsführung auf Bahnseite übertragen hat, und wird gerade deshalb sympatisch. Während Schell nur die Fehler der letzten Wochen aufzählt und sich stets so gibt, als höre er den anderen Talkgästen gar nicht zu, zeigt Sukale sich glaubwürdig als Arbeitervertreterin: Die anderen Mitarbeiter der Bahn seien genauso wichtig wie die Lokomotivführer. Sie müsse auf ein ausgewogenes Gehaltsgefüge achten. Das versteht der Zuschauer - im Gegensatz zum Gehabe von Schell. Bei dem kommt einem wieder die Spezies der unfreundlichen Bahnbediensteten vor Augen, die stets den Eindruck erweckt, als Kunde müsse man sich dafür bedanken, dass man mitgenommen wird. Frau Sukale hingegen wirkt modern, offen, dialogorientiert. Kein Ticket dabei? Kein Problem, beim nächsten Mal dann wieder, OK?
Ich bin mir sicher, dass eine Anne Will-Sendung allein die öffentliche Meinung nicht kippen kann. Aber fest steht, dass Schell sich nicht mehr viele weitere solcher Auftritte leisten sollte. Zumal sich Sukale am Ende der Show noch die letzten Herzen der bahnstreikgeplagten Zuschauer erobert: "Kehren Sie doch bitte morgen an den Verhandlungstisch zurück", sagt sie so, als wolle sie den beleidigt-in-der-Ecke-stehenden Schuljungen dazu bringen, wieder mit den anderen Fußball zu spielen. Als PR-Mann möchte man ergänzen: "Oder mach' wenigstens ein Medientraining."
