Samstag, 11. August 2007

Sommerloch-Thema: Blogger-Schelte

"Laannnngweilig!" würde vielleicht Homer Simpson sagen, wenn er das lesen würde. Immer, wenn ein Internet-Journalist kein Thema hat (und aktuell ist ja Sommerloch), betreibt er Blogger-Schelte. Ist ja auch toll, schneller kann der eigene Name nicht in der Blogosphäre bekannt werden. Heute lautet die Überschrift "Online-Visionäre: Abgebloggt" und stammt von Johannes Boie; zu bestaunen auf sueddeutsche.de und in der Süddeutschen Zeitung.

Und da ich heute, im Vergleich zu meistens, recht schnell im Auffinden des Artikels war, obliegt mir auch die Aufgabe, ihn zu kommentieren. Dann mal los!

Boie kritisiert wie viele die Belanglosigkeit der Inhalte von Weblogs:

"Eine junge Frau ruft bei ihrem Friseur an und fragt, ob die Räume des Haarschneiders mit W-LAN ausgestattet seien. Die Friseurin am anderen Ende der Leitung ist überfordert. Nein, sagt sie, wir verwenden Schwarzkopf, kein W-LAN. Finden Sie weder interessant noch lustig? Deutschlands bekanntestem Mainstream-Weblog, Spreeblick, war diese Anekdote einer Berliner Bloggerin eine Verlinkung an prominenter Stelle wert."

Zuerst einmal: Ja, ich finde es lustig. Und die "Verlinkung an promininter Stelle" ist ganz oben - da wo jeder neue Blogeintrag landet. Übrigens finde ich es auch relevant - schließlich kennen sicherlich 50 Prozent der Internetsurfer W-Lan. Und da ist es doch lustig, dass ein Frisör denkt, es handle sich dabei um ein Shampoo. Mindestens genauso lustig und relevant wie die Schwimmkurse des chinesischen Militärs.

Nach einige fragwürdigen Aussagen (es gebe in Deutschland 100.000 Blogs, von denen 100 wichtig seien - woher kommt diese Zahl?) erklärt Boie, was er für das Problem der deutschen Blogosphäre hält:

"Und doch ist Vergrößerung das erklärtes Ziel der deutschen Blog-Szene: Man will eine Alternative zu den etablierten Medien werden."

Da stelle ich doch gleich mal die Frage: Erklärtes Ziel von wem? Von mir jedenfalls nicht. Boie lässt die Antwort offen. Nicht offen lässt er aber, wie er sich die Blogosphäre der Zukunft vorstellt:

"Deutsche Leser wollen spezialisierte Angebote zu ihren Lieblingsthemen anstatt eines weiteren Versuches, klassische Zeitungen zu imitieren."

Woher weiß er das schon wieder? Vielleicht ist ja eher der Wunsch Vater des Gedanken. Dann gäb es keine Konkurrenz für das eigene Angebot - es sei denn sueddeutsche.de soll nun zu einem Special Interest Portal für Zwillinge werden.

Das Ende bildet ein Zitat von Kommunikationswissenschaftler Jan Schmidt:

"Die Öffentlichkeit von Weblogs bestünde in ihrer technischen Zugänglichkeit für jedermann. Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz."

Laut Wikipedia ist eine Öffentlichkeit "[...] die Gesamtheit der möglicherweise an einem Ereignis oder Geschehen teilnehmenden Personen ohne jede Begrenzung in der Anzahl oder sonstige Einschränkungen [...]." Eine Öffentlichkeit ist also eine Gruppe von Menschen. Und das ist doch die Blogosphäre ohne Zweifel, oder?

Für mich hat Boie nicht im geringsten verstanden, worum es in der Blogosphäre geht: Der Leser ist heute nicht mehr auf ein umfassendes Nachrichtenangebot wie sueddeutsche.de angewiesen.
Er hat die Möglichkeit, sich im Feedreader sein eigenes Nachrichtenportal zusammenzustellen: Zu den Infos, die ich mir von klassischen Nachrichtenwebseiten hole, hole ich mir Meinungen aus Weblogs.

Dabei wird sich auch sueddeutsche.de damit abfinden müssen, dass Zeitungen nie wieder ein Interpretationsmonopol haben werden - weil mittlerweile jeder öffentlich sagen/schreiben kann, was er will. Und weil die Platzierung bei google bestimmt, was die meistgelesene Meinung zu einem Thema ist.

Dass diese neue Informationsnutzung zum Standard wird, dazu braucht es wohl noch einige Zeit - vielleicht auch einfach zu bedienende Anwendungen, den iPod unter den Feedreadern. Aber es wird kommen, da bin ich mir ganz sicher. Und wenn nicht, ist's mir auch egal. Mir gefällt's in der Blogosphäre - das ist doch die Hauptsache.

2 Kommentare:

Dorin Popa meint:

Und weil Sommerloch ist, ist derselbe Text auch noch auf den Jugendseiten der SZ, bei jetzt.de zu lesen.

Die Berufsjugendlichen hätten es eigentlich besser wissen müssen...

Christian meint:

Da jetzt.de sich bei Technorati listen lässt, sehen die sich ja auch als Blog. Insofern ist ja egal, was sie schreiben - denn auch sie haben (ihrer eigenen Meinung nach) ja keine gesellschaftliche Relevanz...

Kommentar veröffentlichen