PR-Tag mit Currywurst
Was erwartet man von einem PR-Kongress zum Thema "Produkt-PR: Neue Welten - neue Chancen"? Richtig: In erster Linie viel allgemeines Blabla. [Nachtrag: Besonders, wenn er sich dann so präsentiert]. Doch mein erster "Deutscher PR-Tag" der DPRG hat mich positiv überrascht - und das bereits mit dem Begrüßungssnack. Denn statt der bei anderen Veranstaltungen üblichen Sushi-Kreationen mit thematischem Bezug (z.B. einer Weltkugel wegen "neue Welten") gab es passend zum Veranstaltungsort, der Ruhrgebietsstadt Essen, Currywurst. Und (über weite Strecken) interessante Inhalte. Dabei wurde ich irgendwie das Gefühl (und den texterischen Ehrgeiz) nicht los, dass die Currywurst ein gutes Sinnbild für all das ist, was (Produkt-)PR zukünftig sein sollte, wenn sie erfolgreich bleiben will. Hier meine vier Wurstweisheiten mit Bezug auf einige Vorträge:
1. Eine Currywurst ist "schlicht" - eine Wurst mit Soße sowie Currypulver, und das sieht auch jeder. Auch wir PRler sollten aus unserem Job nicht mehr machen als es ist. Wenn Kerstin M. Molthan jeder Strategie "Actions" (gesprochen: Äktschens) folgen lassen will; wenn eine Online-Tauschplattform für Joggingstrecken "Benchmarking in der Grammatik des Web 2.0" sein soll; und wenn sie am Ende "Schlaglichter auf einige Basiclearnings" lenkt, überdeckt sie den Inhalt ihrer Präsentation mit Worthülsen - obwohl dies gar nicht "nötig" war. Die Joggingplattform finde ich toll - aber "benchmarking"?
2. Eine Currywurst ist "schnell" - in der Zubereitung und im Verzehr. Auch wir müssen schnell werden. Wir müssen uns schnell neuen Gegebenheiten anpassen. Web 2.0 etwa soll man nicht tot-konferenzen, sondern man soll sich hineinbegeben. Jetzt. Cornelia Kunze von Edelman hat eindrucksvoll gezeigt, was sich alles tut.
3. Eine Currywurst ist ein "ehrliches" Essen: Sie ist so, wie sie aussieht - lecker aber nicht gerade besonders gesund. Die PR-Branche muss auch ehrlicher werden - zu sich selbst, zu ihren Kunden und zu den Kommunikationszielgruppen:
- Zu sich selbst: Produkt-PR hat (zumindest mittel- bis langfristig) das Ziel, den Absatz zu steigern. Welchen Sinn sollte sie sonst haben? Erreicht sie das nicht, war sie (zumindest im Sinne ihres eigentlichen Ziels) nicht erfolgreich. Damit hatte Dr. Jörg Hoepfner (Habilitant bei Prof. Bentele; zu ihm selbst habe ich leider keinen Link gefunden) heute morgen in der Arbeitsgruppe "Konsumgüter" recht.
- Zu ihren Kunden: PR kann aus einem schlechten Produkt kein gutes machen. Die Beziehung zwischen Konsument und Produkt wird in erster Linie vom Produkt selbst beeinflusst. PR kann helfen, Akzente in der Wahrnehmung dieses Produktes zu setzen. Aber PR bringt langfristig nichts, wenn das Produkt nicht hält, was die PR verspricht. Stimmt, Herr Nies. Das heißt übrigens nicht, dass man sein eigenes Produkt schelten sollte. Man muss aber Vorteile betonen, die das Produkt tatsächlich besitzt.
- Zu den Kommunikationszielgruppen: PR sollte auch gar nicht erst versuchen, Fakten zu schönen; spätestens nach dem ersten Kauf würde das Vertrauen des Konsumenten in das Unternehmen ruiniert sein. Wie man ehrlich aber erfolgreich kommuniziert, hat Herr Sackmann, Marketingchef von Ford (Link führt zu seinem Lebenslauf als Word-Dokument), am ersten Tag in erstklassiger Art und Weise demonstriert: Zunächst hat er berichtet, wie schlecht Ford bislang war - das schafft Vertrauen (in ihn, nicht in die Autos). Denn genau diese Wahrnehmung hatte ich auch immer. Und dann sagt er, was sich beim neuen Mondeo geändert hat - und das ist glaubwürdig, weil er zuvor Vertrauen geschaffen hat und weil er es wirklich so meint. So müssen wir mit aufgeklärten Verbrauchern kommunizieren.
4. Mit (durch die Currywurst) vollen Mund, soll man nicht sprechen. Das erste "Schlaglicht auf Basiclearnings" zum Web 2.0 von Frau Molthan lautete: Erstmal zuhören. Das hört sich banal an, aber "Kommunikationsprofis" reden oft viel zu schnell los - anstatt sich ersteinmal fundiert zu informieren. Das finden Journalisten schon lange schlimm (vgl. Indiskretion Ehrensache). Und Blogger sowie prinzipiell jeder aufgeklärte Verbraucher werden sich von inhaltslosem Gerede nicht überzeugen lassen. Das sollte uns eigentlich schon der gesunde Menschenverstand sagen. Wenn er es nicht tut, dann sage ich es halt.
So, und morgen heißt's nun nach der Theorie: Ran an die Bulleten - besser: an die Wurst...
[Disclaimer: Ich arbeite in einer PR-Agentur - aber nicht der von Frau Molthan oder Frau Kunze. Meine Hinweise hätte ich aber auch jedem anderen PRler gegenüber gemacht. Und ich bin sicher, dass auch ich nicht worthülsenfrei kommuniziere. Das macht diese Unart aber kein Stück besser. Wir müssen lernen, das abzustellen.]
Nachtrag: Weitere Reaktionen finden sich bei: Textdepot, Nordlichtblog und 50hz.
