"In einer perfekten Welt" lautet ein Ausdruck, den ich zum ersten Mal gehäuft bei der übrigens hervorragenden remix09 gehört habe. Er fiel immer wieder, wenn es um ideales Kommunikationsverhalten zwischen Unternehmen und Konsumenten ging. Und ich habe ihn mir gemerkt, denn er ist gut geeignet um Kommunikation mit Social Media zu erklären. Schließlich sind wir noch recht weit weg von dieser perfekten Welt - weil die Konsumenten und Unternehmen (noch?) nicht so weit sind, wie wir uns das wünschen würden.
Heute mittag musste ich spontan wieder an sie, die perfekte Welt, denken. Denn ich habe den Blog-Post von Björn Sievers bei den PRlen gelesen (den ich trotz der Ermunterung wieder hier kommentiere, weil dieses Blog ja auch Content braucht). Im Post "Der gemeine PR-Arbeiter und das Internet" beschreibt Sievers, wie sich Journalisten und PRler an das Web anzupassen haben. Aber irgendwie bezieht sich diese Abhandlung wohl zumindest bzgl. Journalisten auf die perfekte Welt.
Sievers schreibt:
"Das durchschnittliche Nachrichtenportal empfängt den Leser heute mit offenen Armen. Jeder Artikel darf kommentiert werden. Das heißt auch, dass Leser Redaktionen sehr schnell auf Ungereimtheiten, Unzulänglichkeiten und dicke Fehler hinweisen können."
Doch wo sind diese offenen Arme? Beispiel sueddeutsche.de. Da ist abends und am Wochenende unter jedem Artikel zu lesen:
"Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage."
Sprich: Während ich früher Leserbriefe zu jeder Tages- und Nachtzeit abschicken konnte, darf ich das jetzt nur noch in den Arbeitszeiten der Redakteure. Ich bin - ehrlich gesagt - schon mit "offeneren Armen" empfangen worden".
Sievers weiter:
"Und wenn wir einen Fehler gemacht haben (ja, das kommt vor), dann können wir uns nur, nackt wie wir sind, korrigieren und herzlich für den Hinweis bedanken. Leserbriefe kürzen oder wegwerfen war einmal."
Hier empfehle ich einen Blick auf autobild.de. Unter einem Artikel finden sich 74 Kommentare zu den Unzulänglichkeiten eines Testberichtes über Vans. Und keine Reaktion der Redaktion. Dabei wird ihr Schleichwerbung vorgeworfen und unrealistische Testbedingungen. Klar, man kann Kommentare nicht kürzen oder wegwerfen (es sei denn, sie werden außerhalb der Geschäftszeiten abgegeben), aber ignorieren geht anscheinend immer noch super.
Und dann schreibt Sievers:
"Auch Ihnen, lieber Manz (er antwortet auf Jan Manz, der das Blog mit ihm betreibt; Anm.), wird nichts anderes übrig bleiben, als auf Augenhöhe zu gehen. Allerdings glaube ich, dass der Weg dorthin für den durchschnittlichen PR-Arbeiter deutlich weiter ist als für Journalisten. Denn Journalisten hatten immer schon mal mit Lesern zu tun. PR-Arbeiter nicht."
Das kann ich nun gar nicht verstehen. Denn während Journalisten ihre Arbeit bislang nur in Redaktion verteidigen mussten, hat es PR traditionell mit allen möglichen Gruppen zu tun: Journalisten, Anwohner, Politiker und und und. Und häufig sind alle anderer Meinung - zumindest zu Beginn des Diskurses :-). Natürlich fühlen sich auch Verlage ihren Kunden verpflichtet - aber dies bezieht sich leider allzu oft nur auf die Werbekunden. Und wenn sich jemand verpflichtet fühlt, dann sind es die betriebswirtschaftlichen Abteilungen. Die Redakteure empfinden sich als "4. Gewalt", als "ausschließlich der Meinungsbildung verpflichtet" - das Sich-nicht-beeinflussen-lassen (= Nicht-für-Argumente-anderer-zugänglich-sein) ist gar Teil des Selbstverständnisses. Journalisten sehen es ja bewusst nicht als ihre Aufgabe, sich mit PRlern zu streiten oder mit ihnen zu sprechen (Stichwort Tanja-Anja).
Meine Meinung daher: Journalisten sind alles andere als in der Welt von Social Media angekommen. PRler zwar auch nicht, aber wenn jemand in Unternehmen gelernt hat, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, dann ist dies die PR. Und wenn jemand in unserer Mediengesellschaft sich dafür überhaupt nicht interessiert (und genau dies als seine Aufgabe sieht) - dann sind dies Journalisten. Alles andere spielt meines Erachtens in einer perfekten Welt.