Mittwoch, 25. August 2010

Wie das Handelsblatt sich lächerlich macht

Ich bin ziemlich schockiert, über einen Artikel, den ich gerade im Handelsblatt gelesen habe. Dass ein Wirtschaftsmedium sich durch solche Unkenntnis auszeichnet, ist fast ein Skandal.

In dem Artikel "Wie Wikipedia Markttheorien widerlegt", behauptet der nicht namentlich genannte Autor (könnte auch eine Autorin sein):

Wikipedia sei "Eine Erfolgsgeschichte, die Volkswirte in Erklärungsnöte" bringe. "Ihre traditionellen Theorien legen nahe, dass es den Aufstieg des Internetlexikons gar nicht hätte geben dürfen. Warum sollten sich rationale Individuen die Mühe machen, unentgeltlich Lexikonartikel für ein anonymes Publikum zu schreiben? Jeder Internetnutzer kann das Onlinelexikon nutzen, ohne dass er selbst Beiträge beisteuert."

Er kommt zum Fazit: "Die Studie zeigt damit erneut: Volkswirte machen einen Fehler, wenn sie den Menschen zum reinen Egoisten erklären – dann können sie viele Phänomene des wahren Lebens nicht richtig erklären. "

Dabei lieferte er einige Zeilen zuvor - zitiert aus der Studie, die seiner Meinung die VWL-Theorie widerlegt habe - die Begründung für das Mitmachen bei der Online-Enzyklopädie: "Die Mitarbeit bei Wikipedia verschaffe den einzelnen Autoren Befriedigung – die Forscher sprechen dabei von "sozialem Nutzen"."

Soweit so gut. Nur hätte der Redakteur nur einmal bei Wikipedia schauen müssen, um zu erkennen, dass der Artikel Schmarrn ist. Der "Homo Oeconomicus", auf den wohl abgehoben werden soll, ist nämlich erstens ein wissenschaftliches Modell - diese verkürzen immer - und zweitens ist er kein Geld-Optimierer, sondern ein Nutzen-Orientierer. Und wie das Wort schon sagt, ist auch "Sozialer Nutzen" Nutzen.

Mei o mei.

Freitag, 13. August 2010

Wir sitzen auf einem ganz schön hohen Ross

Es ist erstaunlich, wie sie gerade abläuft, diese Diskussion über Google Streetview. Mal abgesehen davon, dass es natürlich viel wichtigeres gibt als dass ein Unternehmen sein Produkt auf den Markt bringen kann.

Was ich krasser finde: Wir, die Social Media "Experten", sitzen auf einem ganz schön hohen Ross. Und lachen oder fluchen über jeden, der ein schlechtes Gefühl bei einem Produkt hat, das selbst bei uns keineswegs unumstritten ist. Und dessen Nicht-Markteinführung kein Weltuntergang wäre, auch wenn wir natürlich Google alle furchtbar lieb haben.

Ich hatte einen Linguistik-Professor, der sich über die Anglizismen-Debatte aufgeregt hat. Meines Erachtens zu recht. Denn Sprachen mischen sich seit jeher. Das Deutsche ist eigentlich noch recht eigenständig. Und es ist nicht einzusehen, wieso wir über das "Date" meckern, aber das "Rendez-vous" für Ok halten. Trotzdem läuft die öffentliche Debatte anders.

Wenn man sich die Debatten rund um erneuerbare Energien anschaut, dann gibt es auch dazu eine Menge Meinungen, aber kaum jemand versteht die technischen Details von Atomkraftwerken und Solaranlagen. Trotzdem äußern wir uns.

Bei nahezu jedem Thema werden sich Fachöffentlichkeiten finden, die darüber meckern, dass Medien, Politiker und Bürger schlecht informiert sind. Sie vernachlässigen dabei, dass man auch gut informiert zu unterschiedlichen Meinungen kommen kann. Oder dass z. B. zur Vorbeugung der Finanzkrise uninformierter "gesunder Menschenverstand" nicht hätte zu schlechteren Ergebnissen führen können.

Die grundsätzliche Problemstellung ist, dass Menschen technischen und kulturellen Entwicklungen unterschiedlich offen gegenüberstehen. Und dass das dazu gehört, zu unserem System. Weil die Demokratie eben die Herrschaft des Volkes, und nicht der Experten ist. Und wir auf diesem Gebiet ganz schön schlecht informiert zu sein scheinen, für dass wir auf anderen große Töne spucken.

[Dieser Text ist recht schnell runtergeschrieben - bitte Ungenauigkeiten entschuldigen!]

Montag, 19. Juli 2010

Nur, wer nichts macht, macht nichts falsch

Ich finde es immer wieder spannend, wie in Blogs Social-Media-Kampagnen auseinandergenommen, PR-Desaster definiert und am Ende Lehren gezogen werden. Und dennoch: Ich habe immer ein schlechtes Gefühl dabei.

Sehen wir der Wahrheit doch mal in die Augen: Als Kommunikator macht man – wie in jedem anderen Beruf – andauernd schlimmere oder weniger schlimme Fehler. Ich bin sicher, dass ich in meinen sechs Jahren PR schon so einige Journalistenanfragen schlecht beantwortet habe. Ich bin mir sicher, dass ich zahlreiche Mails überlesen habe. Ich habe auch schon Dinge empfohlen, obwohl sich im Nachhinein eine andere Idee als bessere entpuppt hat. Und ich weiß: Ich werde irgendwann ein riesiges PR-Desaster erleben. Ich sperre Youtube-Channels, mahne Blogger ab oder mache noch viel schlimmeres. Warum? Nun: Nur wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Ich aber möchte PR-MACHER und nicht PR-VERHINDERER sein. Ich möchte Pressearbeit und nicht Presseverhinderungsarbeit machen. [Wobei: Auch dieser Satz könnte mir irgendwann zum Verhängnis werden, denn natürlich werde auch ich nicht allen alles erzählen.]

Das Verrückte an dieser Welt ist ja: Wir wissen nicht, was in der nächsten Minute passiert. Und von den 1 Mio. Facetten, die eine Sache hat, werden wir nie alle berücksichtigen – bzw. im Zweifel sogar die Falsche. [Ich empfehle dazu die Literatur von “Der schwarze Schwan”, in dem beschrieben wird, dass wir uns ständig auf irgendwelche unwahrscheinlichen Ereignisse vorbereiten, die eh nie eintreten – wohingegen irgendwas anderes passiert, mit dem wir nie gerechnet hätten].

Wie also nun umgehen mit diesen Beispielen? Ich finde, man kann sich die ganzen Beispiele gerne anschauen. Aus Entertainment. Weil man – wenn man das lustig findet – über andere lachen kann. Aber bitte bitte bitte: Keine allzu detaillierten Konsequenzen daraus ziehen. Und immer schön im Kopf behalten: Nur, wer nichts macht, macht nichts falsch. Oder eben alles.

Freitag, 16. Juli 2010

Haben Sie schon mal mit einem Blogger gesprochen?

Ich möchte noch vor der Mega-Hitze joggen gehen, daher nur kurz: Es wundert mich schon sehr, wie viele PR-Agenturen und -Profis Social Media Arbeit interpretieren – nämlich nur als Bespielen bestimmter Kanäle. Wie das konkret aussieht zeigt das PR-Barometer, mit dem das PR Journal abfragen will, wie weit sich Social Media bereits durchgesetzt hat.

Umfrage2

Umfrage

Da wird gefragt, ob man einen Social Media Newsroom hat, Videos produziert oder Podcasts macht. Das alles ist wichtig. Aber viel interessanter wäre die Frage “Haben Sie schon mal mit einem Blogger gesprochen?”. Genau das wäre nämlich die allererste Aufgabe der PR: Beziehungen zu den relevanten Zielgruppen aufzubauen. Erst danach geht es um Tools. Leider haben das viele noch nicht verstanden. Warum, ist mir noch nicht so richtig klar. Weil man etwas Plakatives machen möchte, ohne sich die Mühe einer persönlichen Beziehung anzutun? Weil ein Gespräch sich nicht als “Produkt” verkaufen lässt? Keine Ahnung. Jedenfalls kann ich die Umfrage so nicht beantworten. Und egal, wie das Ergebnis ausfällt: Darüber, wie weit “Social Media Relations” entwickelt sind, wird es nichts aussagen.

Einen schönen Tag Euch!

Freitag, 2. Juli 2010

Welt Kompakt, Opernwerkstatt und andere Best Practises

Ich muss gestehen, dass die Suche nach richtig guten Social Media Cases immernoch nicht leicht fällt. Zum einen, weil man zu wenig über die Ziele weiß. Ist der Twitter-Kanal @lufthansa_de mit 27tsd. Followern ein Erfolg? Weil es “so viele” sind? Oder erreicht es die Falschen – weil Meinungsbildner (eine klassische Social Media Zielgruppe) sich keinen Promotionkanal antun und für einen “klassischen” Promotionkanal die Followerzahl (in klassischen Reichweitenmaßstäben) viel zu klein ist? Oder will die Lufthansa ein modernes Image aufbauen? Dann die Frage: Sind die Leute, die festlegen, ob modern oder nicht-modern, überhaupt auf Twitter? Ich kann den Erfolg einfach nicht beurteilen, weil ich die Ziele nicht kenne.

Bleibt mir also nur die Möglichkeit, Beispiele zu loben, die einfach schön gemacht sind. Weil sie neu sind oder zeigen, was man mit Social Media machen kann. So wie gestern die Welt Kompakt, die ausschließlich von Bloggern, Twitterern und anderen Webschreiberlingen gestaltet wurde. Ich muss zugeben, dass ich sie inhaltlich etwas anstrengend fand. Nicht, weil die Artikel schlecht waren. Aber alle waren so magazinig wie Blogeinträge. Und ich habe mich gefragt, ob Leser allgemein am allerliebsten längere News lesen. Mir jedenfalls haben die sehr gefehlt. Und ob es am Fehlen ebendieser liegt, dass Blogs sich in Deutschland nicht so richtig durchgesetzt haben. Vielleicht kennt da ja jemand eine Studie: Wieviel Meinung, wie viel Nachrichten wünscht sich der Leser? Jedenfalls fand ich die Welt Kompakt schon aufgrund dieses Gedankens einen Gewinn für mich. Ganz abgesehen davon, dass diese Ausgabe neue Leser für Blogs begeistert haben könnte – unser Controller fragte, nachdem ich ihm die Ausgabe gezeigt hab, ob ich ihm mal sag, wann der nächste SocialMediaClubTwittwochDingens ist. Und dass selbst mir die Vielfalt des Webs mal wieder bewusst wurde: Nur sehr wenige der teilnehmenden Webveröffentlicher kannte ich vorher. Ach so: Und für die Welt Kompakt ist es ein Gewinn, weil die Ausgabe noch in Monaten und vielleicht Jahren als Beispiel für “etwas wagen” gewertet wird. In einer – laut Ansicht der Financial Times Eigner – sterbenden Branche finde ich “Neues wagen” nicht die schlechteste Idee. Für mich also alles in allem ein Erfolg.

Ein weiteres Beispiel finde ich einfach toll gemacht. Ganz egal, wie hoch die Reichweite ist. Es zeigt, wie man für den Long Tail arbeitet. Und es demonstriert am kleinen Beispiel wie sich auch große Ereignisse begleiten ließen – die Rede ist von der Opernwerkstatt. Mit viel Mühe stellt Christian de Vries vor, was hinter den Kulissen der Opernfestspiele in Heidenheim passiert. Tolle Interviews kommen dabei raus und schöne Geschichten. Es zeigt das Potenzial von Social Media für Kulturveranstaltungen [ein weiteres Beispiel für gut socialisierte Kulturveranstaltungen finde ich übrigens die Umsetzung der Langen Nacht für Museen in Düsseldorf und die Unicredit Festspielnacht in München]. Die Kulturszene ist m.E. [bis auf das Finanzierungsproblem] wie geschaffen für Social Media. Wo sonst hat man so viele interessierte “Kuden”? Also, liebe Kulturveranstaltende und -sponsoren, wagt mal was! Wie’s geht, seht Ihr unter anderem hier:

Dienstag, 15. Juni 2010

Darum bin ich dagegen!

Sonntag, kurz vor dem Anpfiff des ersten WM-Spiels der deutschen Mannschaft, fand auf Facebook eine für mich spannende Diskussion statt. Sachar nannte auf Grundlage einer bild.de-Umfrage Joachim Gauck den Bundespräsidenten-Kandidaten des Volkes, weil er in dieser Umfrage 70% der “Stimmen” bekommen habe. Ich kommentierte, dass eine repräsentative Umfrage von infratest dimap nur 40% für Gauck (30% für Wulff) sehe und dass Gauck wohl eher der Kandidat des Webs sei. Sachar fragte mich daraufhin, warum ich immer “dagegen” sei. Und egal, ob er das scherzhaft oder ernst meinte, es ist ein Funken Wahrheit dran. Ich vertrete in Diskussionen im Web häufig Gegenpositionen.

Ich weiß, dass ich den Mitdiskutanten damit nicht selten eine ganze Menge zumute. Daher einige kurze – und vielleicht etwas verschwurbelte – Gedanken dazu, warum ich das eigentlich tue. Warum ich “immer dagegen” bin:

Grundsätzlich positiv eingestellt gegenüber dem “Dagegen” bin ich, weil ich glaube, dass es Skeptiker, Dagegens und Bremser braucht, um zur besten Lösung zu kommen. Das ideale Beispiel für den Erfolg dieses Prinzips ist unser Grundgesetz. Es wird zwar vielfach und auch zurecht kritisiert, dass Bund und Länder, Bundestag und Bundesrat, Regierung und Opposition sich gegenseitig ausbremsen. Aber dieses Ausbremsen führt zu einer Stabilität im System, die meines Erachtens ein Wert an sich ist. Weil sie Planungssicherheit bringt. Und die ist wichtig, damit Menschen ihr Leben gestalten können. Klar: Der Grad zwischen Skepsis und Obstruktion ist schmal. Aber ehrliche Skepsis hilft mehr als dass sie schadet.

Bestätigt wird diese Ansicht durch die Kreativitätstechnik “Das 6-Hut-Denken”. In einem Brainstorming nehmen die Teilnehmer bestimmte Rollen ein – setzen sich Hüte auf. Der Träger des schwarzen Hutes soll dabei objektiv negative Aspekte aufzeigen – das ist, was auch ich versuche. Helfen tut das nur, wenn es auch die anderen Rollen gibt, aber die gibt es gerade in der Social Web Szene meines Erachtens durchaus.

Inhaltlich wichtig finde ich das “dagegen”, weil ich es nicht mag, wenn wir uns die Welt zu einfach machen – eine Tendenz zu der die Social Media Szene neigt wie jede zu bestimmten Fragen recht meinungshomogene Teilöffentlichkeit. Überspitzt gesagt: Ingenieure versuchen die Welt zu einer einzigen mathematischen Formel zu machen – weil sich in ihrem Gebiet ja auch alles errechnen lässt. Superstars glauben, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will – weil es bei ihnen ja so war. Und wir Social Media Freaks glauben zum Beispiel, dass jeder Konsument mit Unternehmen sprechen möchte – weil das bei uns so ist. Ich finde es wichtig, andere Perspektiven in Diskussionen einzubringen, sobald der Mainstream zu eindimensional wird.

Wichtig ist mir dabei trotz allen "Dagegens" eines: Ich finde das Social Web absolut klasse und eine der besten Errungenschaften der vergangenen Jahre. Ohne dieses Social Web könnte ich meine “Dagegens” ja gar nicht vorbringen – zumindest würde niemand oder würden noch weniger Menschen zuhören. Ich habe dabei vollsten Respekt dafür, dass sich Menschen für etwas engagieren. Um im oben genannten Fall Gauck zu bleiben: Wenn z. B. Nico “Wir für Gauck” startet, finde ich das klasse. Weil es schnell war, weil es gut gemacht ist und weil ich nie derart viele Menschen von einer Idee hätte überzeugen können. Selbst wenn 10.000 Unterzeichner keine 82 Millonen sind, ist das genau die Form von Engagement, die wir brauchen.

Das wollte ich nur mal loswerden.

Sonntag, 16. Mai 2010

Würdet Ihr für ein Web ohne Datensammler zahlen?

Nur mal eine Frage, auf die ich kam, als ich den Artikel von Sachar und den Nachfolgenden bei Netzwertig gelesen habe: Wäre Euch das Internet nicht auf wesentlich lieber, wenn Ihr bei zentralen Anwendung die Möglichkeit hättet, sie nicht mit Euren Daten, sondern mit Geld zu bezahlen? Also beim E-Mail-Dienst, bei Facebook, bei Twitter, beim Instant Messaging und dazu noch beim Browser inkl. Toolbars? Findet Ihr es nicht furchterregend, wenn Google in Wlans Daten klaut? Wenn Facebook Euch auf jeder Webseite verfolgt? Mir geht das so. Und mir macht es Angst, dass diese Unternehmen meine Daten haben und ich keine Ahnung, was die damit anstellen. Jedenfalls finde ich es mehr als Naiv, einem internationalen Konzert das Credo “Don’t be evil” soweit zu glauben, dass ich ihnen blind vertraue.

Was denkt Ihr?

Hypes vermeiden. Verlage und Agenturen retten.

Als ich vergangene Woche durch einen Blog-Post von Thomas Knüwer auf den Vortrag von Thomas Zervos, seines Zeichens Director Digital Marketing bei JvM (Video hier, ab ca. Min 15:00), und auf die Antwort von Thomas Knüwer stieß, dachte ich: Es ist doch erstaunlich. Nun blogge ich seit 4 Jahren und immer noch finden die Diskussionen von damals statt. Irgendwer versucht, der Szene ziemlich drastisch “den Spiegel” vorzuhalten. Und ernten tut er dafür scharfe bis überzogene Beißreflexe (die komplette Geschichte findet sich unten beim *). Da stellt sich doch die Frage, woran das liegt. Und wie man vielleicht zu einer Lösung kommen kann.

Die Kommunikationsbranche und die Medien befinden sich in einem grundlegenden Wandlungsprozess. Und während man in Vortragsfolien recht einfach erklären kann, dass sich Wandel vollzieht, man ihn anzunehmen habe und im Wandel erfolgreich sein könne, ist das im echten Leben schon ein wenig komplexer: Wenn eine Zeitung nicht mehr gedruckt wird, stehen teuere Maschinen still und werden Arbeitsplätze überflüssig. Wenn Jeff Jarvis – dessen Buch ich nun gelesen hab und das entgegen meiner Erwartungen sehr spannend fand – sagt, dass man sich entscheiden muss, in welchem Business man ist und dass Zeitungen im Informationsbusiness sind, dann hat er Recht. Aber: Zeitungen sind auch im Personalabteilungsbusiness, im Controllingbusiness, im Druckbusiness, im Papierbeschaffungsbusiness und und und. Gleiches gilt für Werbeagenturen. Die sind nicht nur im Kreative-Lösungen-Business, sondern auch im Druckvorstufe-Business, im Bildbearbeitungsbusiness, im Radiospotproduktionsbusiness. Nicht aus der Sicht des Kunden, aber aus der Innensicht. Und letztere ist eine sehr entscheidende in Veränderungs-Prozessen.

Nun fragen sich Manager in Verlagen und in der Kommunikationsbranche, wo die Reise hingeht. Und dabei fragen sie nicht nur, wo die Reise der Zielgruppen hingeht, sondern auch, wo ich zukünftig ähnliche Renditen erwirtschafte, wo ich meine Mitarbeiter beschäftige usw. Kurz gesagt: Kommunikationsbranche und Werber sind auf der Suche nach “dem neuen TV-Spot”, “der neuen Zeitung” – also Formaten, in denen sie mit ihrem bestehenden Schatz an Wissen wieder ähnliche Renditen erwirtschaften können. Sie suchen (um Manager-kritisch zu argumentieren) Schläuche, in die der alte Wein passt. Sie suchen (um Manager-freundlich zu argumentieren) nach dem, was sie ihren Baum herum pflanzen können, damit sie diesen nicht entwurzeln müssen.

Diese Situation ist der ideale Nährboden für Hypes: Kommunikatoren und Verlage lernen durch Social Media Profis neue Tools kennen (Second Life, Twitter, In-Game-Advertising, iPhone Apps) und sehen diese als Lösung ihrer Probleme. Eine Lösung, mit der die Branche so weiterlaufen kann, wie sie schon immer lief – mit Ausnahme dieses neuen zusätzlichen Tools. Wenn dann nach kurzer Zeit – oh Wunder – herauskommt, dass ein Twitterchannel allein nicht meine Printzeitung rettet, dass ein auf Youtube eingestellter TV-Spot aus einer langweiligen Werbekampagne keine virale Kampagne macht, dann wird geschimpft. Sei ja alles überbewertet.

Und in der Tat, es ist vieles überbewertet und Schuld daran ist neben den Managern auch die Social Media Szene. Schließlich sind wir schnell dabei, wenn es darum geht, Aufsehen erregende Zahlen zu präsentieren. Allein: Diese sagen meist wenig darüber aus, wie ich diese Menschen erreichen kann. So sind zwar in Deutschland 10 Millionen Menschen (oder so) auf Facebook, aber ich kann diese keineswegs so einfach erreichen wie die 10 Millionen, die an einem bestimmten Samstag “Wetten dass” kucken. So stellt zwar gerade das vielzitierte Social Media Prisma das gesamte Spektrum an Social Media Tools dar, aber man kann daraus nicht die Erkenntnis ziehen, dass man notwendigerweise etwas verpasst, wenn man in vielen Feldern des Prismas nicht ist. So vergisst Google zwar nichts, aber es übersieht auch das meiste. Und so gehen zwar ab und an Social Media Themen in die klassischen Medien über, aber die Rubrik “Netzwelt” bei Spiegel Online ist reichweitentechnisch nicht die Bild am Sonntag.

Was bedeutet all dies nun für die Hypes? Wie können wir lernen, neue Tools richtig einzuschätzen? Meines Erachtens hat es die wirklich grundlegende Veränderung durch Social Media noch nicht herumgesprochen, weil sie für alle Seiten sehr unsexy ist: Marketer und Verleger werden zukünftig sehr viel mehr, aber dafür wesentlich kleinere Brötchen backen müssen. Nicht In-Game-Advertising, iPhone Apps, Twitter, MySpace ODER Virals sind die Lösung, sondern alle gemeinsam. Und es werden immer wieder neue Tools hinzukommen oder wieder wegfallen. Welche Konsequenz hat dies nun für Verlage und Werbeagenturen? Sie müssen nicht die Tools verändern, sondern die Strukturen. Sie müssen sich – wie Jarvis sagt – überlegen, in welchem Business sie eigentlich sind. Und dann müssen sie, anstatt die Distribution ihrer Leistung in einen Kanal (z. B. Print) zu perfektionieren, Know-how aufbauen, wie sie schnell, gut und effizient neue Kanäle für sich erschließen können. Bevor der “Hype” vorbei ist.

*Zervos hatte in seinem Vortrag die Säue gezeigt, die in den vergangenen Jahren durch das digitale Dorf getrieben wurden – u.a. MySpace, Second Life und heutzutage iPhone Apps – und rät zur Vorsicht. Knüwer versucht in seinem Blogpost, das Wort Hype in einen positiven Kontext zu rücken. Und zu erläutern, dass an den gehypten Tools sehr wohl “etwas dran” sei.

Donnerstag, 22. April 2010

Servus, haebmau!

Ich geb zu, man wird nicht glaubwürdiger, wenn man in kurzen Zeitabständen immer wieder anrührende Abschiedsposts in seinem Blog veröffentlicht. Dennoch muss ich es tun. Denn nach einer viel zu kurzen Zeit, nur fünf Monaten, verlasse ich die Agentur häberlein & mauerer. Nicht, weil mich irgendetwas an der Agentur stört. Sondern einfach, weil es Chancen gibt, bei denen man das Gefühl hat, sie nutzen zu müssen. Ich werde ab 1. Mai Pressesprecher bei OSRAM.

Ich muss sagen, dass es mir sehr viel Spaß gemacht hat, in dieser Agentur zu arbeiten. Denn haebmau kann genau das, worauf es m. E. bei PR ankommt: gute Geschichten erzählen und persönliche “Relations” pflegen. Beides mag banal klingen. In einer PR-Welt allerdings, in der immer mehr “geschaltet” und immer weniger “gesprochen” wird, ist es dies keineswegs. Ich finde es daher schön, dass haebmau so denkt und ich finde es noch schöner, dass Verantwortliche für tolle Marken diesen Weg mitgehen.

Aber PR-Verständnis hin oder her – besonders fehlen wird mir wohl das Team, mit dem ich die letzten Monate arbeiten durfte. Eva, Silke, Michaela, Maria, Caro, Karin, Ute und Martin: Es war "amende de stages" wirklich eine klasse Zeit bei Euch und wenn ich eines an meinem Abschied schade finde, dann dass ich gerade mal beide Füße in der Tür hatte und dann schon wieder abhaue. Sorry dafür.

Wie dem auch sei, ich danke allen, mit denen ich in den letzten Monaten zu tun hatte, dafür, dass diese Monate mich sehr bereichtert haben. Ich hoffe, wir bleiben in Kontakt und wünsche Euch alles alles Gute!

Ich gebe ab an die Musik.

Montag, 19. April 2010

Meconomy: 3 Gedanken zu “Personal Branding”

Ich lese gerade das Buch “Meconomy” von Markus Albers – zugegeben zunächst vor allem deshalb, weil ich mal testen wollte, wie es ist ein, Buch auf dem iPhone zu lesen. Zu Eurer Info: Beides ist super – das Buch und das Lesen auf dem Telefon.

Jedenfalls möchte ich zwischendurch – weil mich dieses Thema immer wieder beschäftigt – einige Anmerkungen zum Kapitel “BrandMe: Warum Selbstmarketing so wichtig ist” [Edit: Dieses Kapitel ist eher ein Randaspekt des Buches] und zu “Personal Branding” und “Reputation Management” allgemein machen, da ich vieles, was zu diesem Thema gesagt und geschrieben wird, falsch finde:

Personal Branding ist von gestern

Ich denke, dass Personal Branding – so wie es im Buch vorgeschlagen und von vielen propagiert wird – absolut von gestern ist. Albers zitiert Blaise James, der dazu rät, nicht seinen Leidenschaften zu folgen, sondern Fähigkeiten zu analysieren und daraus gemäß Wünschen der Kunden seine Marke “zu bauen”. Sorry, aber für mich klingt das nach Marianne und Michael. Schließlich ist es genau das, was die beiden machen: Seit gefühlten 150 Jahren heile Welt, absolute Liebe und immer gute Laune - weil sie es spielen können (die Fähigkeit haben) und die “Kunden” es nachfragen. Aber: Ist das wirklich das, was wir wollen? Stellt Albers nicht in seinem Buch bewusst Johannes Kleske vor, der genau das Gegenteil repräsentiert? Der macht was er will und genau dadurch erfolgreich ist?

Die Person ist Vorbild für die Marke – nicht umgekehrt

Ich denke, dass Personal Branding einen grundsätzlichen Denkfehler beinhaltet: Werbestrategen versuchen im Allgemeinen Marken nach dem Vorbild von Menschen zu formen. Nicht umsonst spricht man bei Marken von Markenpersönlichkeit, von Identität und Image. Sie versuchen, etwas abstraktem einen konkreten Charakter zu geben. Leider gelingt das nur zum Teil, weshalb ein Markencharakter nie so umfassend ist wie der eines Menschen – er bleibt ein Menschencharakter light. Was Personal-Branding-Freunde propagieren, ist, den menschlichen Charakter so zu beschneiden, dass er ebenfalls zum Markencharakter wird – also auch zum Menschencharakter light. Und diese Formulierung zeigt schon das Problem: Meines Erachtens wird diese Beschneidung dem Wesen eines Menschen nicht gerecht. Menschen, die wie Marken sind, sind eindimensional und langweilig. Mein Tipp: Anstatt eine Markenpersönlichkeit zu bauen, lieber die Personenpersönlichkeit sein.

Kein Unterschied zwischen Online- und Offline-Persönlichkeit

Jetzt könnte man ja sagen: Nein, wir wollen nicht den Menschen, sondern nur kommunizierte Inhalte im Web beschneiden. Sorry, aber für mich gibt es da keinen Unterschied. Digital Natives und Leute wie ich machen keinen Unterschied in ihrer Online- und ihrer Offline-Persönlichkeit. Das Web ist Teil meines einen Lebens. Wenn ich meine Inhalte beschneiden würde, dann online wie offline. Das aber wiederum kann ich nicht – der Christian, der abends in der Kneipe ein Bier trinkt, ist der gleiche, der morgen ins Büro geht, und der gleiche, der von dort aus ab und an twittert. Er ist vor allem ein Mensch, keine Marke.

So, jetzt les ich weiter. Ich hoffe, dass Markus weiter hinten im Buch nicht noch das Gleiche sagt :-). Fragen, Anregungen, Kritik, Sonstiges: Raus damit!